Erster Abend der Vortragsreihe in der Bielefelder Stadtbibliothek

Freiheit und Unfreiheit. Einfach frei?

Bielefeld, 24. Januar 2017

Prof. Dr. Rüdiger Bittner, analytisch geprägter Philosoph aus Bielefeld, stellte in dem Eröffnungsvortrag zur Reihe zunächst die Frage, was damit gemeint sei, wenn jemand oder etwas ‚frei‘ ist.

Zunächst, so der Referent, heißt ‚frei‘ meist so viel wie ‚ohne‘ – etwa so wie beim Wort ‚laktosefrei‘. Auf Menschen bezogen sei damit gemeint: ‚ohne Hindernis‘ oder auch ‚ohne Behinderung‘. Der Kontext jedoch sei entscheidend, so der Philosoph. Es mache einen Unterschied, ob ein Fußballer frei stehe oder ein Strafentlassener wieder frei sei. Frei sein bedeute daher, auf Menschen bezogen, im weitesten Sinn, etwas tun zu können – und ein Hindernis oder eine Behinderung sei, was dem im Wege stehe.

Von Freiheit zu reden, so Bittner, ergibt deshalb immer nur Sinn, wenn klar ist, wovon und wodurch jemand also nicht gehindert wird, etwas Bestimmtes zu tun. Folglich tat sich Bittner schwer mit Formulierungen, die Freiheit in Bausch und Bogen behaupten würden, etwa in der Rede von einem ‚freien Land‘.

Vielmehr sei es so, dass in jedem Fall bestimmte Freiheiten und bestimmte, womöglich gewollte Hindernisse, gegeneinander abgewogen werden müssten. Als Beispiel nannte der Referent die Diskussion um die Alternative von Sicherheit und Freiheit – denn auch ‚Sicherheit‘ solle bestimmte Freiheiten schaffen – unter Einschränkung anderer Freiheiten: „Freiheit gibt es nicht allgemein, sondern immer als spezifische Eigenschaft“. Gesellschaftliches Ziel aber müsse es sein, vermeidbare Behinderungen von Menschen zu bekämpfen.

Die Teilnehmer des Vortrags waren nach dieser Einführung in das Thema wenig überrascht, dass Bittner mit dem Motto des Reformationsjubiläums seine Schwierigkeiten hatte: „Einfach frei: das gibt es nicht“. Man könne zwar womöglich einmal ‚einfach glücklich‘ sein – im Sinn von einem Moment des unbeschwerten Glücks. Nicht aber „einfach frei“ – weil Freiheit eben immer spezifisch sei. Dafür konnte Bittner Martin Luther als Zeugen nennen: In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ lege Luther, so der Philosoph, sogleich dar, dass ein Christ in bestimmter Hinsicht frei, in anderer Hinsicht aber gerade unfrei ist.

Dem Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an sowie der Dank an die Stadtbibliothek, die mit der Literaturbühne einer der Kooperationspartner des Kirchenkreises im Reformationsjubiläumsjahr ist.

Einfach frei – 500 Jahre Reformation

Vor einem halben Jahrtausend veröffentlichte Martin Luther seine ‚berühmten‘ 95 Thesen. Der Überlieferung nach soll er sie am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben. In ihnen übte er vor allem Kritik an der Praxis des Ablasshandels der Kirche.

Dank der damals gerade erfundenen Technik des Druckens mit beweglichen Buchstaben konnten Luthers Thesen sehr schnell in hoher Auflage vervielfältigt und innerhalb kürzester Zeit verbreitet werden. Das löste eine theologische Diskussion aus, die wesentlich zu der Entwicklung beigetragen hat, die wir ‚Reformation‘ bezeichnen. Dabei ging es um grundlegende Fragen des christlichen Glaubens und eine Erneuerung der Kirche. Da die offizielle Papstkirche in Rom sich mit den  reformatorischen Kräften, die es seit langem an vielen Orten und von unterschiedlichen Personen gab, nicht einigen konnte, kam es zur Bildung evangelischer Kirchen.

Einfach frei. Zwei Worte sind es, mit der die westfälische Kirche an das 500. Reformationsjubiläum erinnert. Einfach, weil der Glaube an Gott nicht kompliziert ist und an keine Bedingung geknüpft ist; frei, weil jeder Menschen ganz ohne Institution selber denken und handeln darf und soll. Jeder ist allein gebunden an Gottes Wort, die Bibel. Sie ist nach Aussage der Reformatoren Quelle und Richtschnur unseres Glaubens.

Wir erinnern uns in diesem Jahr daran, dass vor 500 Jahren, an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, mutige Persönlichkeiten den Menschen verkündigt haben, dass die Gnade Gottes nicht käuflich und zu verdienen ist, sondern ein kostbares freies Geschenk seiner Liebe ist. Wir feiern miteinander die von den Reformatoren wieder neu zum Leuchten gebrachte gute Nachricht, dass wir mit Gott verbunden sind allein im Vertrauen auf Jesus Christus. Ganz ohne unsere Leistung. Allein durch Gott, durch das, was er für uns getan hat, gelangen wir an das Ziel, zu dem uns Gott berufen hat; leben wir das Leben, das er uns anvertraut.

Auch wenn sich vor 500 Jahren unterschiedliche Kirchen gebildet haben, war die Geschichte der Katholischen Kirche und der Evangelischen zum Glück nicht völlig getrennt. Manch erfreuliches Miteinander vor allem an der kirchlichen Basis ist gerade in jüngerer Zeit entstanden. Auf vielen Ebenen gibt es das gemeinsame christliche Zeugnis von evangelischen und katholischen Christen. Gemeinsam engagieren sich die beiden Konfessionen trotz ihres unterschiedlichen Verständnisses von Kirche und Amt für soziale Belange, treten gemeinsam ein für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Das 500. Reformationsjubiläum ist eine Chance, darüber nachzudenken, was die damals von den Reformatoren herausgestellten Themen und  Begriffe wie ‚Freiheit‘, ‚Priestertum aller Glaubenden‘, ‚Gewissen‘, ‚Verantwortung‘ für das Leben heute bedeuten. Und was die die reformatorische Erkenntnis, dass wir selig werden "ohn' all Verdienst und Würdigkeit" für unser Handeln bedeutet. Denn ‚einfach frei‘ ist nicht mit ‚ganz beliebig‘ oder ‚völlig verantwortungslos‘ zu verwechseln.

Die evangelische Kirche hat über ein halbes Jahrtausend Sprache, Kunst, Musik, Literatur, Theater, Pädagogik, Rechts- und Sozialwesen, Politik, Wirtschaft und somit viele Bereiche unserer Kultur nachhaltig beeinflusst und mitgeprägt. So gibt es viele gute Gründe, das 500. Reformationsjubiläum miteinander zu feiern und vor allem die Chance, die gute Nachricht von Gottes grenzenloser Liebe zu den Menschen weiterzusagen und vorzuleben: Du bist einfach frei!

Die nächsten Termine

Sonntag, 2.4. 11 Uhr
Gottesdienst "Religionsfreiheit – Gewissensfreiheit"

Bielefeld: Markuskirche

Montag, 10.4. 19:30 Uhr
Glaubensfragen 2017 „Ins Leben übersetzen“ – Eine Reihe zu Grundüberzeugungen der Reformation

Bielefeld: Süsterkirche

Donnerstag, 27.4. 19:30 Uhr
Freiheit und Politik. Die demokratische Gesellschaft als Anwalt der Freiheit

Bielefeld: Neues Rathaus, großer Saal

Montag, 8.5. 19:30 Uhr
Glaubensfragen 2017 „Ins Leben übersetzen“ – Eine Reihe zu Grundüberzeugungen der Reformation

Bielefeld: Süsterkirche

Dienstag, 16.5. 19:30 Uhr
Freiheit und Freizeit. Konsum und Kritik

Bielefeld: Jugendkirche luca

Sonntag, 21.5. 10 Uhr
Gottesdienst "Heil und Heilung: Gesundheitliche Perspektiven des reformatorischen Erbes"

Bielefeld: Pauluskirche