MACHS MAUL AUF - Poetry Slam zum Reformationsjubiläum

„Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör bald auf! – Martin Luther wäre ein guter Poetry Slammer gewesen! Er stand öffentlich für seine Meinung ein und bediente sich dabei allein der Macht der Worte.“ Das sagt ‚Katze‘ Marc-Oliver Schuster, der am 5. Oktober um 20 Uhr in der Bielefelder Johanniskirche den Poetry-Slam moderierte. Kurz vor dem 500. Reformationstag am 31. Oktober lud der evangelische Kirchenkreis Bielefeld zu einem weiteren Höhepunkt im Rahmen des Jubiläumsjahres ein.

Beim Poetry Slam wetteifern junge Schriftsteller/innen mit selbst verfasster Lyrik und Prosa live um die Gunst des Publikums. Fünf bis zehn  Minuten haben sie Zeit, „ihr Maul aufzutun“. Von heiter bis ernst. Manches geht unter die Haut.

Marc-Oliver Schuster (alias Katze, www.facebook.com/katzecomic) – ein Meister des Poetry Slam – führte durch den Abend. Die sechs eingeladenen Slammer waren Berit Kruse, Jann Matjes, Niko Sioulis, Jule Weber, Romina Kehl und Sulaiman Masomi.

Reformation historisch - Vortrag von Christian Peters

Vom Schmähbild bis zum Lehrbild - Flugschriften und Einblattdrucken der frühen Reformationszeit

Die Reformation im Bild – Illustrierte Flugschriften und Einblattdrucke des frühen 16. Jahrhunderts. So lautete der Titel des Eröffnungsvortrags der Reihe „Luthers Wirkung“ in der Neustädter Marienkirche. Von der ersten Minute seines Vortrags an fesselte Christian Peters, Hochschullehrer und Vorsitzender des Vereins für westfälische Kirchengeschichte aus Münster, die Zuhörer mit spannenden Einblicken in die „Bildpropaganda“ der frühen Reformationszeit.

Bis zum Jahr 1530, so Peters, gab es bereits weit über 10.000 verschiedene religiöse und politische Titel im deutschen Sprachraum. Deren gesamte Auflage lag, so die Erkenntnis der Forschung, bei über 10 Millionen. Das sei insofern bemerkenswert, da die Gesamtzahl der Bevölkerung damals bei rund 15 Millionen Menschen gelegen habe, von denen aber lediglich fünf bis zehn Prozent lesen oder gar lesen und schreiben konnten.

Anhand zahlreicher Bildbeispiele führte der Universitätslehrer durch den Abend, stellte Bezüge zwischen den Darstellungen auf den Bildern und der Reformationszeit her und kommentierte diese. Schon früh, so Peters, gab es etwa in der Bevölkerung den Wunsch zu sehen, wie denn dieser Mann aus Wittenberg mit den neuen Lehren wohl aussehen würde. Die älteste Darstellung Martin Luthers stammt aus dem Jahre 1519. Das Holzschnitt-Portraitmedaillon zeigt den Reformator mit Doktorhut und Wappen (Lutherrose) und ist das Titelblatt der Schrift „Ein Sermon geprediget tzu Leipßkg vffm Schloss am tag Petri vnd pauli ym xviiij. Jar”. Das Besondere dabei, so Peters schmunzelnd, sei wohl die Eile bei der Fertigung gewesen, um der Nachfrage nach einem Porträt Luthers nachzukommen. Denn bei der Erstellung der umlaufenden Schrift hat der Leipziger Wolfgang Stöckel keine seitenverkehrte Form angelegt. So entstand beim Druck dann ein spiegelverkehrter Abdruck des Titels und damit auch der Schrift.

Die im Laufe des Vortrags vorgestellten Abbildungen lösten bei manchen Zuhörern ebenso Erstaunen wie Neugierde aus. So etwa über die Darstellung Luthers als deutschem Herkules in einer Flugschrift von Hans Holbein d.J., auf der eben jener „herkulesische Luther“ die kirchlichen und religiösen Autoritäten vorheriger Jahrhunderte erschlägt. Oder auch das handkolorierte Einblatt von Sebald Beham aus Nürnberg aus dem Jahre 1524. Dort begehren die Handwerker der damaligen Zeit auf gegen die Schlichtheit des neuen Glaubens, weil sie – im Gegensatz zum Prunk der Kirche und ihren vollen Auftragsbüchern der vergangenen Jahre – mit massiven Auftragsrückgängen rechneten.
Ebenso spannend und neu für die allermeisten Besucher war am Ende des Vortrags die Vorstellung einer Flugschrift aus dem Jahr 1524. Sie war für Menschen jüdischen Glaubens bestimmt und zeigte anhand eines „Schaubildes“ die Unterschiede zwischen dem katholischen und evangelischen Glauben auf. Mit reichlich Applaus wurde dem Referenten gedankt für einen Vortragsabend, der von polemischer Flugschriften-Vielfalt bis zum biblisch-didaktischen Lehrbild reichte.

Dr. Friedrich Meschede referierte in der Kunsthalle

„Kunst ist der Inbegriff von Freiheit“

Dr. Friedrich Meschede, künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Kunsthalle Bielefeld, sprach am 20. Juni im Vortragssaal der Kunsthalle Bielefeld zum Thema „Freiheit und Kunst“. Es war die sechste Veranstaltung der Vortragsreihe des Kirchenkreises Bielefeld zum Reformationsjubiläum.

„Künstler werden Künstler, weil sie selbstbestimmt und frei sein wollen. Kunst ist der Inbegriff von Freiheit“, so Meschede vor rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern zu Beginn seines Vortrags. Neben ihm, groß auf Leinwand, ist Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ zu sehen.

Für den Kunsthallenleiter ist Dürer ein Jahrhundertkünstler und das Bild ein gutes Beispiel für künstlerische Freiheit. Das Selbstbildnis, datiert auf 1500 (nach neueren Forschungen auf 1509), zeigt den Künstler in einer Pose, die bis zu diesem Zeitpunkt Königen und Christus vorbehalten war. „Welche Blasphemie bedeutete das vor 500 Jahren, sich Schöpfergleich darzustellen“, so Meschede. Ein Beweis für seinen Glauben an den Künstler als den Nachschöpfer Gottes. Galt bis dahin der Künstler ausschließlich als Handwerker, ist er nun ein zeitgenössischer Geist und ‚Weltenrichter‘. Dürer präge das Bild vom heutigen Künstler als verkannter Künstler, der „die Freiheit hat, nicht verstanden zu werden“ (Joseph Beuys).

Als weiteres Beispiel nannte Meschede Roman Opalka. Mitte der 1960er Jahre begann Opalka mit „1965 / 1–∞“ eine Serie von Bildern, auf denen ausschließlich fortlaufende Zahlenreihen zu sehen waren. Jeden Tag nach der Arbeit an diesen Bildern entstand eine Fotografie vor dem Werk. Bei der Grundierung der Bilder dieser Serie hellte Opalka die verwendete Farbe fortlaufend um ein geringes Maß mit Weiß auf. So entstand ein künstlerisches „Tagebuch“, das mit einem leeren Bild unmittelbar vor dem Tod des Künstlers enden sollte. „Er folgte damit seinen eigenen Regeln und lebte den eigenen radikalen Lebensentwurf“, erklärt Meschede.

In seinem kurzweiligen Vortrag spannte Dr. Friedrich Meschede einen spannenden Bogen der Kunstgeschichte zum Thema „Kunst und Freiheit“ mit radikalen Künstlerpersönlichkeiten. Zum Schluss sahen die Zuhörer zwei Bilder nebeneinander auf der Leinwand: Dürers Selbstbildnis und ein Portrait des 2011 gestorbenen Steve Jobs. 1976 gründete er Apple. Er hat das Weltbild einer ganzen Generation geprägt. „Seit Dürer waren die Museen die Enzyklopädie, seit Steve Jobs ist es das Netz“, schmunzelt der Kunsthallenleiter.

Luther auf dem Leineweber

Unter dem Motto „Luther ist da!“ hatte die Evangelische Jugend Bielefeld Kinder, Jugendliche und Familien zu einer interaktiven Auseinandersetzung mit Themen der Reformation am Kunsthallenpark auf dem Leinewebermarkt eingeladen. Über 2.000 Besucherinnen und Besucher täglich beteiligten sich vom 25. bis 28. Mai jeweils von 12 bis 18 Uhr an den spielerischen und kreativen Mitmachaktionen rund um das Thema Reformation.

Betreut von einem großen Team von ehren- und hauptamtlichen Jugendmitarbeitern konnten eigene Thesen formuliert und an eine Bretterwand genagelt sowie Taschen und Blätter mit Reformationsmotiven bedruckt werden. Zahlreiche Spiele sorgten für Kurzweil. Bei sommerlichen Temperaturen gab es Kaffee und Fassbrause zur Erfrischung.

Vortrag von Klaas Huizing in der Jugendkirche luca

Freiheit, Freizeit und Askese

Wenn zu einem Vortragsabend eingeladen wird, dann erwarten die Zuhörenden von einem Theologieprofessor in der Regel einen klassisch-akademischen Vortrag. Diese Erwartung erfüllte der Würzburger Ordinarius am Lehrstuhl für systematische Theologie zwar auch. Aber dann doch ganz anders als vermutet.

Dem Verhältnis von Freiheit und Freizeit näherte sich Huizing biografisch, indem er den Zuhörenden aus seiner calvinistisch geprägten Jugendzeit erzählte. Von der Unmöglichkeit etwa, sonntags statt zur Kirche zu gehen im Handballverein spielen zu wollen: „Mein Vater, in vieler Hinsicht ein Antibild zum autoritären Gott-Vater Calvins, teilte mir mit roten Ohren und schwitzenden Händen mit, dass ich den Sonntagssport nicht ausüben könne, weil der Kirchenrat beschlossen habe, Jugendliche, die am Sonntag Sport trieben, die Konfirmation zu verweigern.“

Vor diesem Hintergrund, erweitert durch Zitate des niederländischen Erfolgsautors Maarten ´t Hart, kam Huizing auf Luthers reformatorische Erkenntnis der Freiheit eines Christenmenschen und die Rechtfertigung des Sünders zu sprechen: „Zwar kassiert Luther die Askese, aber der Sündenwahn bleibt.“ Ausführlich ging der Referent auf die Geschichte der Sündentheologie sowie die Auslegungsgeschichte des vermeintlichen Sündenfalls ein: „Kein Alttestamentler von Rang deutet die Sündenfallgeschichte titulierte Geschichte der Genesis noch als Sündenfall. … Sie gehört endgültig auf den Müll der Wissenschaftsgeschichte. Ist aus der Zeit gefallen wie ein Toilettenflokati.“

Zum Ende seines Vortrags plädierte Huizing für mehr Freiheit und zugleich „für eine Askese, die den Zusammenhang mit der Sünde gelöst hat.“ Dabei nahm er Bezug auf die antike griechische Philosophie, „durch ständiges Training auf die unrealistischen und auch meist nicht notwendigen Wünsche zu verzichten“ und beendete seinen Vortrag mit der Einsicht: „Askese war für die Stoiker und die Epikureer kein Bekenntnis der Sünde und der Reue, sondern Ergebnis der Einsicht in die Grundstruktur der inneren und äußeren Realität. So verstanden wird Askese lebensdienlich, ohne genusskritisch zu sein.“

Europapolitiker Elmar Brok zum Verhältnis von Freiheit und Politik

Elmar Brok referierte im Bielefelder Rathaussaal über das Verhältnis von Politik und Freiheit.

Bielefeld, 27. April 2017

Am Ende gewinnt die Freiheit

„Ich bin zwar katholisch, aber ich sehe mich selber als lutherischen Katholiken.“ Elmar Brok, Vollblutpolitiker und Mitglied des europäischen Parlaments, nahm bei seinem Vortrag im Rahmen des Reformationsjubiläums kein Blatt vor den Mund. Mit zahlreichen persönlichen Erfahrungen referierte er vor rund 60 Zuhörern im Bielefelder Rathaussaal über das Verhältnis von Politik und Freiheit.

Der Referent schlussfolgerte mit Blick auf die Politik und die demokratische Errungenschaft der Gewaltenteilung wie der Trennung von Staat und Kirche: „Überall dort, wo religiöses Bodenpersonal die Macht hat, ist Unfreiheit. Diesen Fehler haben Christen in früheren Zeiten gemacht. Diesen Fehler machen Mullahs heute.“

In der westlichen Welt sehe er heutzutage eine ganz andere Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Gerade vor dem Hintergrund der Wahlen in den USA wie jüngst in Frankreich sagte Brok: „Die größte Gefahr für die Freiheit ist der Missbrauch der sozialen Medien.“

Brok erzählte davon, dass für ihn der direkte Zugang zu Gott zu einer seiner christlichen Grundüberzeugung gehöre – auch wenn, so Brok, sein Bischof das mit dem ‚lutherischen Katholiken‘ nicht so gerne hören würde: „Ich muss mir nicht von anderen was erzählen lassen. Allein durch Gott gelangen wir ans Ziel, wozu uns Gott berufen hat.“

Das Brok sich in der evangelischen Theologiegeschichte gut auskennt, unterstrich er anhand seiner differenzierten Interpretation der Reformationsgeschichte. Zwar habe die Reformation Luthers eine wichtige Rolle im Kontext des Freiheitsbegriffs gespielt. Dies geschah jedoch immer vor dem Hintergrund der Freiheit als Geschenk des Glaubens. „Luthers Freiheitsbegriff hatte niemals eine politische Dimension, sondern war rein religiös motiviert.“

Zum Schluss seines Vortrags wurde Brok dann nochmals persönlich, indem er davon berichtete, dass er als junger Mann wohl auch gerne Pfarrer geworden wäre und allein der Zölibat dies verhindert habe. Nun, so Brok mit einem Augenzwinkern, wäre er Politiker und müsse sich bei allem, was er behaupte und öffentlich vertreten würde, den Mühen der Diskussion stellen. Dies tat er dann auch und beantwortete nach langem Applaus die Fragen der Zuhörenden.

 

 

Vortrag zum Thema „Freiheit und Arbeit“ mit Annelie Buntenbach

Bielefeld, 7. März 2017

Freiheit heißt auch Freiheit von Existenzangst

Annelie Buntenbach, Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB, sprach am 7. März in der Johanniskirche zum Thema „Freiheit und Arbeit. Eine gewerkschaftliche Stimme.“ Es war nach den Vorträgen von Prof. Dr. Rüdiger Bittner und Prof. Dr. Regina Harzer die dritte Veranstaltung der Vortragsreihe des Kirchenkreises Bielefeld zum Reformationsjubiläum.

Freiheit und Arbeit sei kein einfaches Begriffspaar, ist die DGB-Frau überzeugt. Arbeit gehöre vielmehr in den Bereich der Notwendigkeit, denn ohne Arbeit gebe es keine Existenzgrundlage. „Freiheit heißt auch Freiheit von Existenzangst“, so Buntenbach.
Sie skizzierte zunächst ein düsteres Bild: In Kolumbien werden Gewerkschafter auf offener Straße erschossen, in Katar herrschen erschreckende Arbeitsbedingungen beim Stadionbau, beim Einsturz des Rana Plaza in Bangladesch wurden 1.127 Menschen getötet und 2.438 verletzt. In dem Gebäude waren Risse festgestellt worden. Deshalb verbot die Polizei den Zutritt. Dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen, als das Gebäude kollabierte. Die Arbeiterinnen waren von den Fabrikbetreibern gezwungen worden, ihre Arbeit aufzunehmen. Zahlreiche Konzerne überwachen ihre Angestellten elektronisch und erhöhen aus Profitgründen den Arbeitsdruck. Mehranforderungen, ständige Erreichbarkeit und Arbeitsverdichtung führe zu Überforderung, Überlastung und psychischen Problemen. „Einigen falschen Weichenstellungen bei der Agenda 2010 haben wir den Niedriglohnsektor zu verdanken, in dem der Lohn der Arbeit nicht mehr zum Leben reicht.“ Die Einführung des Mindestlohns sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, so die Gewerkschafterin.

Nur wer sich zusammenschließt kann bei Verhandlungen ein größeres Gewicht erzeugen, ist Buntenbach überzeugt. Als einzelner sei man abhängig von Wohlwollen und Almosen. „Doch wir spüren deutlich die Angst vor Betriebsratsgründungen.“
Bei der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt sei es entscheidend, Grenzen zu setzten. Die neuen Freiheiten dürften nicht zu immer größerem Druck in der Arbeitswelt führen. „Menschen brauchen noch gemeinsame Zeiträume für Freunde, Familie, Kultur und soziales Engagement“. Buntenbach ist davon überzeugt, dass nur gemeinsam in der Solidarität eine ausreichende soziale Absicherung, sozialer Friede und Integration in der Gesellschaft gelinge. Sie plädiert für die Stärkung der solidarischen Sozialversicherungssysteme, statt deren Rückbau.

Ein zentrales Anliegen ist für die Gewerkschaftsfrau der Zugang zur Bildung für Kinder. Es sei beschämend, dass noch heute Armut und Herkunft Teilhabe und Chancen verhindere und für Ausgrenzung sorge.

„Ich bin froh darüber, dass Gewerkschaften, Kirchen und Sozialverbände zusammenarbeiten und ein Bündnis gegen Kinderarmut, Sonntagsarbeit, sozialer Kälte und Ausgrenzung und für fairen Handel und Menschenwürde gleich welcher Herkunft bilden und Diskriminierungsversuchen entgegentreten“, so Annelie Buntenbach.

Erster Abend der Vortragsreihe in der Bielefelder Stadtbibliothek

Bielefeld, 24. Januar 2017

Freiheit und Unfreiheit. Einfach frei?

Prof. Dr. Rüdiger Bittner, analytisch geprägter Philosoph aus Bielefeld, stellte in dem Eröffnungsvortrag zur Reihe zunächst die Frage, was damit gemeint sei, wenn jemand oder etwas ‚frei‘ ist.

Zunächst, so der Referent, heißt ‚frei‘ meist so viel wie ‚ohne‘ – etwa so wie beim Wort ‚laktosefrei‘. Auf Menschen bezogen sei damit gemeint: ‚ohne Hindernis‘ oder auch ‚ohne Behinderung‘. Der Kontext jedoch sei entscheidend, so der Philosoph. Es mache einen Unterschied, ob ein Fußballer frei stehe oder ein Strafentlassener wieder frei sei. Frei sein bedeute daher, auf Menschen bezogen, im weitesten Sinn, etwas tun zu können – und ein Hindernis oder eine Behinderung sei, was dem im Wege stehe.

Von Freiheit zu reden, so Bittner, ergibt deshalb immer nur Sinn, wenn klar ist, wovon und wodurch jemand also nicht gehindert wird, etwas Bestimmtes zu tun. Folglich tat sich Bittner schwer mit Formulierungen, die Freiheit in Bausch und Bogen behaupten würden, etwa in der Rede von einem ‚freien Land‘.

Vielmehr sei es so, dass in jedem Fall bestimmte Freiheiten und bestimmte, womöglich gewollte Hindernisse, gegeneinander abgewogen werden müssten. Als Beispiel nannte der Referent die Diskussion um die Alternative von Sicherheit und Freiheit – denn auch ‚Sicherheit‘ solle bestimmte Freiheiten schaffen – unter Einschränkung anderer Freiheiten: „Freiheit gibt es nicht allgemein, sondern immer als spezifische Eigenschaft“. Gesellschaftliches Ziel aber müsse es sein, vermeidbare Behinderungen von Menschen zu bekämpfen.

Die Teilnehmer des Vortrags waren nach dieser Einführung in das Thema wenig überrascht, dass Bittner mit dem Motto des Reformationsjubiläums seine Schwierigkeiten hatte: „Einfach frei: das gibt es nicht“. Man könne zwar womöglich einmal ‚einfach glücklich‘ sein – im Sinn von einem Moment des unbeschwerten Glücks. Nicht aber „einfach frei“ – weil Freiheit eben immer spezifisch sei. Dafür konnte Bittner Martin Luther als Zeugen nennen: In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ lege Luther, so der Philosoph, sogleich dar, dass ein Christ in bestimmter Hinsicht frei, in anderer Hinsicht aber gerade unfrei ist.

Dem Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an sowie der Dank an die Stadtbibliothek, die mit der Literaturbühne einer der Kooperationspartner des Kirchenkreises im Reformationsjubiläumsjahr ist.

Einfach frei – 500 Jahre Reformation

Vor einem halben Jahrtausend veröffentlichte Martin Luther seine ‚berühmten‘ 95 Thesen. Der Überlieferung nach soll er sie am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben. In ihnen übte er vor allem Kritik an der Praxis des Ablasshandels der Kirche.

Dank der damals gerade erfundenen Technik des Druckens mit beweglichen Buchstaben konnten Luthers Thesen sehr schnell in hoher Auflage vervielfältigt und innerhalb kürzester Zeit verbreitet werden. Das löste eine theologische Diskussion aus, die wesentlich zu der Entwicklung beigetragen hat, die wir ‚Reformation‘ bezeichnen. Dabei ging es um grundlegende Fragen des christlichen Glaubens und eine Erneuerung der Kirche. Da die offizielle Papstkirche in Rom sich mit den  reformatorischen Kräften, die es seit langem an vielen Orten und von unterschiedlichen Personen gab, nicht einigen konnte, kam es zur Bildung evangelischer Kirchen.

Einfach frei. Zwei Worte sind es, mit der die westfälische Kirche an das 500. Reformationsjubiläum erinnert. Einfach, weil der Glaube an Gott nicht kompliziert ist und an keine Bedingung geknüpft ist; frei, weil jeder Menschen ganz ohne Institution selber denken und handeln darf und soll. Jeder ist allein gebunden an Gottes Wort, die Bibel. Sie ist nach Aussage der Reformatoren Quelle und Richtschnur unseres Glaubens.

Wir erinnern uns in diesem Jahr daran, dass vor 500 Jahren, an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, mutige Persönlichkeiten den Menschen verkündigt haben, dass die Gnade Gottes nicht käuflich und zu verdienen ist, sondern ein kostbares freies Geschenk seiner Liebe ist. Wir feiern miteinander die von den Reformatoren wieder neu zum Leuchten gebrachte gute Nachricht, dass wir mit Gott verbunden sind allein im Vertrauen auf Jesus Christus. Ganz ohne unsere Leistung. Allein durch Gott, durch das, was er für uns getan hat, gelangen wir an das Ziel, zu dem uns Gott berufen hat; leben wir das Leben, das er uns anvertraut.

Auch wenn sich vor 500 Jahren unterschiedliche Kirchen gebildet haben, war die Geschichte der Katholischen Kirche und der Evangelischen zum Glück nicht völlig getrennt. Manch erfreuliches Miteinander vor allem an der kirchlichen Basis ist gerade in jüngerer Zeit entstanden. Auf vielen Ebenen gibt es das gemeinsame christliche Zeugnis von evangelischen und katholischen Christen. Gemeinsam engagieren sich die beiden Konfessionen trotz ihres unterschiedlichen Verständnisses von Kirche und Amt für soziale Belange, treten gemeinsam ein für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Das 500. Reformationsjubiläum ist eine Chance, darüber nachzudenken, was die damals von den Reformatoren herausgestellten Themen und  Begriffe wie ‚Freiheit‘, ‚Priestertum aller Glaubenden‘, ‚Gewissen‘, ‚Verantwortung‘ für das Leben heute bedeuten. Und was die die reformatorische Erkenntnis, dass wir selig werden "ohn' all Verdienst und Würdigkeit" für unser Handeln bedeutet. Denn ‚einfach frei‘ ist nicht mit ‚ganz beliebig‘ oder ‚völlig verantwortungslos‘ zu verwechseln.

Die evangelische Kirche hat über ein halbes Jahrtausend Sprache, Kunst, Musik, Literatur, Theater, Pädagogik, Rechts- und Sozialwesen, Politik, Wirtschaft und somit viele Bereiche unserer Kultur nachhaltig beeinflusst und mitgeprägt. So gibt es viele gute Gründe, das 500. Reformationsjubiläum miteinander zu feiern und vor allem die Chance, die gute Nachricht von Gottes grenzenloser Liebe zu den Menschen weiterzusagen und vorzuleben: Du bist einfach frei!

Die nächsten Termine

Montag, 4.9. - Dienstag, 31.10.
Interaktive Ausstellung #HereIstand

Bielefeld: Haus der Kirche

Dienstag, 31.10. 14-17 Uhr
Open-Air-Reformationsfest am 31. Oktober

Bielefeld: Neustädter Marienkirche

Dienstag, 31.10. 18 Uhr
Church Night

Bielefeld: Marienkirche Jöllenbeck

Dienstag, 31.10. 18:30 Uhr
Church Night

Bielefeld: Petrikirche

Dienstag, 31.10. 20 Uhr
zentraler Gottesdienst des Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld zum Reformationstag

Bielefeld: Neustädter Marienkirche

Sonntag, 12.11. 10 Uhr
Gottesdienst "Kommunikation – Buchdruck – Medien"

Bielefeld: Peter-und-Pauls-Kirche

Montag, 20.11. 19:30 Uhr
Glaubensfragen 2017 „Ins Leben übersetzen“ – Eine Reihe zu Grundüberzeugungen der Reformation

Bielefeld: Süsterkirche

Sonntag, 17.12. 10 Uhr
Gottesdienst "Zwischen Autonomie und Demut"

Bielefeld: Evangelische Kirche Ubbedissen